was'n lous?
tedfett
Jeder Zweite

Schlusswort des Jahres

30.12.2014

So, das wars "für den Moment". Dieser Block endet hier.

Die Kültürbesprechüng war ein Test, ob der Autor sowas kann und will. Beides, im Vergleich zu den internationalen Leuchttürmen des Blockens, eben nicht so richtig. Es macht richtig Arbeit, wenn man es richtig macht, und das merkt man eben nur, wenn man es macht. Die Ressourcen dafür sind nicht da. Deshalb nun wieder mehr Bilderchen und Spinnereien, hier und bei Lipsigrad. Das geht schneller.

Das Jahr 14 im kültürellen Durchlauf ist hier dargestellt, als Schlaglicht-Auszug. Vielleicht werden im Zuge des Kalenderweglegens noch ein paar Fehlstellen gefüllt, Kinofilmnachreiche zum Beispiel. Man vergisst so schnell, was war.

Mal sehen, ob der ernsthaftere Blick auf die Welt im Undnuiversum einen neuen Platz bekommt. Er ist so anstrengend. Erklärt man sich ausführlich, wird es anstrengend. Macht mans kurz, ist es bestenfalls Bestätigung für Gleichgesinnte. Was bringts?

Einmal Sofa und zurück

26.12.2014

Manchmal sitzt man einfach nur so auf dem Sofa und hat keine Kraft, sich zu erheben. Dann kuckt man in den Fernseher hinein. Schöne Sachen laufen da unter Umständen. Ein Film von Brian de Palma zum Beispiel, "Femme Fatale". Den man gleich nochmal ansieht, weil man die versteckten Hinweise nicht mitbekommen hat. Gut, dass mans aufgenommen hat beim Minderheitensender. Auch wenns mittlerweile eine Binsenweisheit ist: Bei arte, 3sat, EinsPlus, ZDF neo oder -Kültür usw. finden sich die Perlen, und man wird nicht mit Kloakengestank genervt.

Dann schiebt Frau Mond "Hot Fuzz" in den DVD-Player (Herr Nu is dafür zu dämlich), und wir amüsieren uns fast zu Tode. Was für ein abgefahrenes Ding! Ich verneige mich vor der britischen Filmkunst, wieder mal.

Zum Abschluss und letzten Bier eine Doku über Jimi Hendrix, den man schon verehrt, seit man 15 war. Leider in einer Privatschleuder gegen Mitternacht, die trotz dieser fortgeschrittenen Zeit ihre Werbeblöcke feiert wie nichts gutes und sich nicht entblödet, die deutschen Untertitel mit periodisch erscheinenden Telefonwerbebannern abzudecken. Merkt bei denen überhaupt jemand, was versendet wird? Zu interessieren scheints ja sowieso nicht. Dabei hat die Doku durchaus eine überdurchschnittliche Qualität, man erfährt und sieht Neues, neben dem Altbekannten. Ist man von derartigen Versendern gar nicht gewöhnt, da heißt Doku normalerweise Endlosschleife lizenzfreien Videoabfalls, unterlegt mit dramatisch vorgetragenem Schwachsinn. Aber nach einer Stunde erträgt mans trotzdem nicht mehr und trollt sich. Ist ja schon eins durch.

Ach ja, und fast vergessen: Simmer heute doch mal vom Sofa aufgestanden und haben den letzten Tag der Bildermuseum-Jahreskarte weggekuckt. Muss hier und heute deutlich gesagt werden: Viele Bilder sind einfach nur grandios, aber der Oberhammer ist das Haus an sich, auch wenn "die Leipziger" damit fremdeln und der Autor am Anfang über die hohen Türen meckerte -- es ist ein Statement, das auch die Kunst mal raushauen muss. (Zwei Sätze mit Doppelpunkt: Gaanz schlechter Stil.)

Kino

17.12.2014

Im Vierzehner Jahr wie in denen davor waren die Herren Jürgen und Nu vorbildlich im Kino. Das Lichtspielwesen verdient Beachtung und Zuwendung, und wir geben diese gern. Denn wir nehmen ja auch was mit. Aus den meisten Lichtspielen jedenfalls. Aus dem weniger vorbildlich gepflegten Tagebuch gefischt hier die Liste der ersten 30 Filme, die dem Autor besonders bzw. als besonders in Erinnerung sind. Ein bisschen in der Reihenfolge des Mögens, aber Äpfel mit Birnen kann man nicht so ganz sauber vergleichen, weiß man ja.

Good Vibrations

My Sweet Pepper Land

20.000 Days On Earth

Phönix

Matterhorn

Finding Vivian Maier

Imagine

Einer nach dem anderen

Le Passť

The Homesman

Labor Day

Before The Devil Knows Youre Dead

Fallada letztes Kapitel

A Most Wanted Man

Am Sontag bist du tot

Auge um Auge

Philomena

Dallas Buyers Club

American Hustle

Besser als nix

Grand Budapest Hotel

Enemy

Mr. Turner

Under The Skin

My Old Lady

Borgman

The Salvation

Der blinde Fleck

Can A Song Save Your Life

Gesichter des Januar

Hin und weg

Im finsteren Tal

Die Lieblingskinos waren Schauburg, naTo, Prager Frühling, Cineding, LuRu, Schaubühne Lindenfels. Zu erwähnen als besonders lobenswerter Ausklang nach einem anstrengenden Kinobesuch ist an dieser Stelle der Straßenfreisitz des Volkshauses mit St. Jaro Hellbier und Quarkkeulchen bzw. Schickenwings. Während des Films wurden wir ausgestattet von Fattigauer oder Pilsner Urquell. Vielen Dank.

Citizenfour

16.12.2014

Der Film über und mit Edward Snowden von Laura Poitras. Ein großartiger Mensch, überlegt und reflektiert, der seinem Gewissen folgt, sein Leben in die Waagschale wirft, weil er es für richtig und wichtig hält, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, was läuft unter der Decke. Weil es niemand anders kann oder will. Überwältigend der Mut, es einfach zu tun in Kenntnis der Konsequenzen. Der Schneid, sich sein Land zum Feind zu machen, um es zu retten (klingt pathetisch, aber eigentlich geht es um nichts weniger).

Der Film zeigt, dass der NSA alles wissen will, alles wissen kann und alles tut, damit dieses "alles" immer umfassender wird. Ohne jede Kontrolle durch wen auch immer. Der NSA tritt damit aus seiner eigentlichen Rolle als Werkzeug heraus und wird zum Akteur, der jegliche Aufsicht abgeschüttelt hat. Indem der Dienst alles weiß, hat er potentiell jeden in der Hand und kann sich letztlich die Kontrolle basteln, die ihm genehm ist. Diese gefährliche Konstellation wird hierzulande gern mit einem Schulterzucken, mit Kabarettwitzchen oder zaghaften Untersuchungsausschüssen für Nebenschauplätze quittiert. Der weise Uhu Diplomatique orakelt, dass die Geschichte ihr Urteil über Snowden sprechen würde. Mein Urteil über den weisen Uhu habe ich mir gebildet.

Am Tag nach dem Kino finde ich die grenzdebile Autoklubzeitung im Briefkasten (warum bin ich eigentlich immer noch in dem Verein? Angst vor Panne?). Ohne weiteren Kommentar steht da, dass die Überwachung der PKW-Maut in Germanien von einer privaten Firma unternommen werden wird. Hunderte Kontrollstellen im Land verteilt, Fahrzeugerfassung, Video, alles schön aufnehmen und speichern. Man fährt also durch die Gegend, und zusätzlich zum mittlerweile bekannten Handy-Tracking wird gleich noch gefilmt, wer mit in der Karre sitzt und ob sie auch schön geputzt ist. Ist das einfach! Ist das super! Wenn die Dienste da mal keine feuchten, äh, Augen bekommen. Die Autoklubzeitung scheint das prinzipiell in Ordnung zu finden, sofern Der Autofahrer nicht zuzahlen muss.

Wem da nicht übel wird, dem ist nicht zu helfen.

Lipsigrad

15.12.2014

Das war eine der geplanten Großbaustellen im Vierzehner Jahr. Komplettumstellung nach dem großen Fragezeichen, wie es weitergehen soll, und der damit verbundenen Sendepause. Nun sind das Werk im Rohbau und der Umzug fast vollendet, die ersten neuen Artikel sind im Kaufhaus Des Ostens Der Guten Laune eingetroffen und die Mühen und Freuden der Lipsigrader Tieflandsebene können beginnen. Hoch leben die Umzugshelfer!

Mulatu Astatke

15.12.2014

Der Jazzklub hat ins Schauspielhaus eingeladen und ich musste von Otto mit der Nase drauf gestoßen werden, weil ich mich so unterirdisch auskenne mit Muzik. Der große Mulatu Astatke mit sieben brillanten Musikern füllt den Saal und die Herzen der Zuhörer (Achtung, Pathos). Eine Musik zum Eintauchen und Verlorengehen. Die halbe Welt in fünf Minuten Sound: Afrika, Arabien, die Amerikas und die Altewelt. So schön! Würde man einen der Instrumentalistiker hervorheben, wäre das ungerecht. Ok: Cello, Orgel und Bass klangen für mich in den Details besonders. Und der Chef am Xylophon natürlich, der das alles zusammengebaut hat.

Triggerfinger

01.12.2014

Die grandiose Leifbend Triggerfinger war in Lipsigrad. Zum Glück hat sie der Autor schon kurz zuvor gesehen, deshalb verpasste er auch das Lipsigrader Konzert nicht. Und schön wars wieder.

Die Beschreibung der Musik überlassen wir den Musikbeschreibern. Hier nur die nebensächlichste Nebensächlichkeit.

Als nämlich der Herr Sänger mit seiner Guitarre, fit wie Turnschuh, auf die hinter dem wild rumpelnden Schlachtzeuger dömmernden Großboxverstärker sprang (sehr hoch!), die gespeist wurden vom Bassistiker-Rabengdengdeng, dort weiter das Instrument bediente und, mit einem Grinsen wegen des hübschen Einfalls, den Finger nach oben ausstreckte, um ausdauernd in die über ihm angebrachte Bühnenbespannung zu pieken, sann ich eine Weile über den Namen der Band nach, Triggerfinger, passt ja irgendwie, auch wenn ich gar nicht genau wusste, was es bedeutet. Irgendwas mit Finger und Trigger, und Achtmalkluge kommen wie aus der Pistole geschossen auf den: Abzugshebel und den Finger, der diesen betätigt. Is klar. Isses aber nich ganz, denn die allwissende Wiegepedia behauptet, das wäre eine belgische Band (klar) und aber auch eine Krankheit, den dann wild schnapp- und schmerzenden Finger betreffend.

Nun, muss man nicht wissen, ein bisschen Unschärfe braucht der Mensch, gerade abends, und dann übrigens huppte der Singer mit seiner Guitarre tatsächlich von ganz oben nach ganz unten und spielte weiter, als wäre nischt gewesen, woraufhin auch der Autor wieder auf und nieder huppte.

Weekender

07.-09.11.2014

Mit Frau Mond an die Ostsee, zum Weekender. Es ist unser vierter, stellen wir ein wenig erschüttert fest. Hinfahrt über Mölln, interessante Kirche, Münchhausen-Artefakte in der alten Stadtmitte verteilt. Ordentlicher Dönerteller.

Vor der ersten Show in den Pool, und mal kurz an die See kucken gehen.

Es geht los im großen Zelt mit Triggerfinger. Belgische Band, erste Reihe, auf der Bühne: nix. Das kann dauern, sagt eine Dame neben uns. Als es losgehen soll, spricht Der Verantwortliche, dass die Band immerhin eingetroffen sei, nach stundenlangen Staus. Freitag und Bahnstreik. Dann betreten die Herren in wirklich feinem Zwirn die Bühne und bauen ihren Kram in monstermäßiger Geschwindigkeit selber auf. Natürlich helfen die Roadies auch ein bisschen mit. Dann werden die Jackets übergeworfen, Spots an, und es geht volle Pulle los. Power, Dynamik, Stil, Rocknroll. Nimmermüdes Schlagzeug, äußerst präsenter Bass, vielfältige Guitarre und schöne Stimme. Tolle Songs, grandioser Gig, Leuchten in den Augen, und Frau Mond erhascht den gezielt zugedachten Drumstick von Herrn Goosens.

Für die Undertones bleibe ich gleich vorn stehen. In "Good Vibrations" sind sie mir ins Herz gewachsen. Und alles ist richtig: kurze, trocken rausgehauene Songs, rotzige Attitüde, Coolness, Spaß. Teenage Kicks, das Lieblingslied von John Peel und mittlerweile auch eines meiner, wird leider nur einmal gespielt. (Die erste Zeile ziert Peels Grabstein, steht bei Wikipedia.) Paul McLoone am Mikro gibt sich e bissl harsch, scheint gegen Ende aber doch sehr angetan vom Abend. Die andern sowieso. Lesenswertes zur Reunion steht im Ox-Fanzine.

St. Vincent ist im Baltic Festsaal, der ist leider ein bisschen zu flach für eine angemessen hohe Bühne. Aber entschlossen haben wir uns gute Sicht erkämpft, das wird von der Band durch gediegene optische Präsenz belohnt. Sehr smarte Performance, ausgefeilte, aber dennoch schön rohe Songs. Annie Clark wirkt gleichzeitig zugewandt und abwesend, transzendent, zerbrec hlich und dominant. Wir hoffen, sie bald mal in einem Club zu hören, der ein schöneres Ambiente bietet. Und keine Hamburger DM-Fans bereithält, die ausflippen, wenn sie elektrischen Stampfbeat hören, sich ansonsten aber die Kante geben und später besoffen in die Rabatten fallen.

Wakey Wakey allein am Piano ist ein schöner Abschluss, (nicht wirklich) ruhig, souverän, schöne Stimme, nette Ansagen, guter Typ. "Brooklyn" bleibt mir im Kopf. Da sganze ist im kleinen Rondell, am richtigen Platz. Schön.

Selig, den finalen Akt, schenken wir uns.

Frühstücken muss man zeitig gehen, sonst kriegt man keinen Platz mehr. Danach Pool, danach Heiligenhafen. Schöne Seebrücke, eindrucksvolle Landzunge mit alten Villen, ein Immobilienentwickler hat sich den alten Strandparkplatz gesichert und dreht das große Rad.

Wieder Baltivc Festsaal, mit den Levellers. Britischer politischer Pub Folk Punk oder wie man es auch nennen mag, mit ordentlich Wut und Spaß. Hüpfend und brüllend geht die Zeit schnell vorbei. Die elektrische Geige ist sehr apart. Rätselhaft agiert der Didgeridooode.

Die Blood Red Shoes auf der großen Zeltbühne. White Stripes andersrum, sagt Zimpel flapsig, aber ganz so einfach isses natürlich ni. Ms. Carter wirkt für den Part, den sie zu leisten hat, sehr zurückhaltend, aber die Guitarre spricht natürlich ihre eigene Sprache. Wunderbar roh, nach vorn, trotzdem gebrochen und unfertig. Musik nach dem Geschmack des Autors.

Die größte persönliche Überraschung erscheint mit den unvermutet terminierten Arc Iris im Rondell. So was selten seltsam schönes! Ausgefeilte Songs, Dynamik, tolle Performance, unglaubliche Ausstrahlung. Konzentrierte Musikausübung auf hohem Niveau und winziger Bühne, überdurchschnittlich. Das Publikum lässt keine Stecknadel fallen und flippt zum Ende hin fast aus. Und die Band ist sichtbar überwältigt. Von sich selbst, vollkommen zu Recht.

Mit dem abendlichen Hauptakt im großen Zelt isses immer so eine Sache. Meistens ein bisschen zu sehr Mainstream. Diesmal sinds die Editors, und sie sind nicht übel. Aber wir kommen zu spät hin, und von hinten isses eben nur das Halbe.

So war der Weekender. Wie in den letzten Jahren auch dieses Mal wieder ein paar Bands, auf die wir uns gefreut haben, und viele, von denen wir uns überraschen ließen. Keine Enttäuschung dabei. Zu großen Teilen sachkundiges, zugewandtes Publikum. Alles passabel organisiert, angenehme Atmosphäre. Im großen Zelt erste Reihe, wenn man zehn Minuten früher da ist. Wo gibts das sonst? Nicht billig, aber das Geld wars wert. Und über das immer mal zu lesende Geblubber, das sei kein richtiges Festival wegen indoor und der vielen Alten, zieht der Alte im Warmen einfach die Mundwinkel breit.

Arbeit und Struktur

27.08.2014

Als Tschick rauskam, hat mich der Hype eine Weile vom Lesen abgehalten. Dann habe ich es als allerletzter zur Hand genommen, war begeistert und habe es der Handvoll Leute geschenkt, die medial noch ungerührter waren. Dann alle anderen Bücher von Wolfgang Herrndorf gelesen, ihn kurzerhand zu einem der zehn Lieblingsautoren erklärt. Oder drei. Seit einem Jahr ist er nicht mehr, sein Blog Arbeit und Struktur war der Beste in Sachen Leben und Überleben, den ich kenne. Nun noch einmal in besser zu lesender Buchform, eine Art Vermächtnis, ein Statement, ein Abschied, der den Leser oft genug (ungläubig und befreit) auflachen lässt. Und trotzdem so traurig, natürlich.

Als nächstes wieder Sand, das ging zu schnell beim ersten Mal, da gibts noch was zu entdecken.

Es lebe die naTo!

August und September 2014

Im August wieder BSG 9: toll. Hansi und Bert im Zusammenspiel, Improvisieren zum Dahinschmelzen. Laut, schneidend, zart und cool. Der Herr am Bass sucht sich seinen Rhythmus zusammen, variiert den ein bisschen und lässt dem wirklich grandiosen Jazztrommler vielviel Platz.

Im September war Philip Seymour Hoffman Retrospektive, vier Filme, und Capote verpasse ich. Sowas aber auch. Synecdoche, New York ist seltsam. Eine grandios erzählte Geschichte ist Before the Devil Knows You're Dead. Zwingender Abwärtsstrudel einer gierigen Existenz. Blutspritzender Ausbruch aus einem banalen, "sinnentleerten" Leben. Was für ein Schauspieler, und was für ein Drama, dass es ihn nicht mehr gibt. Es gibt Szenen, die kann kein anderer so spielen.

Außerdem, das muss hier auch mal betont werden, bekommt man in der naTo wohlfeile Getränke (und Speisen) und hat einen schönen Aufenthalt im Barbereich oder draußen auf dem Wandelsteig.

Der japanische Blick

17.08.2014

Zufällig zwei ähnliche (und schon ältere) Bücher hintereinander gelesen, im Urlaub hat man ja Zeit. Für Shibumi beim zufälligen Aufschlagen entschieden, weil da grad beim Reingucken so ein schöner knackig-böser Dialog stand. Ein paar Passagen muss ich dann doch abkürzen: Exkursionen über Höhlenforschung und die japanische Teezeremonie. Interessant, neben der Handlung, die manchmal ein bisschen ins albern-überhöhte abdriftet durch die Superkräfte des Protagonisten, ist vor allem der recht extreme Blick auf den Westen, aus japanischer Sicht. Wie die CIA ihr Fett wegkriegt: hübsch. Wie an der Kriegsvergangenheit rumgebogen wird: nuja. Hier sollte der Leser sich, bei vorliegendem Interesse, durchaus auch weitere Sichtweisen zuführen, möglichst objektive. Aber den eingefahrenen westlich-europäischen Blick auf Japan, die Kolonialverbrechen und den aisiatischen Teil des WK II einmal zu hinterfragen, ist ein wirkliches Verdienst des Buches.

Viel runder dieses Thema tangierend und nicht weniger spannend ist das andere Buch: Schnee, der auf Zedern fällt. Eine Insel an der US-Nordwestküste, wo ein Fischer tot aufgefunden und ein japanischer Einwohner, deren es hier einige gibt, des Mordes angeklagt wird. In eine gut geschriebene Geschichte verpackt erfährt man eine Menge. Über Japaner, die sich illegal in den USA ansiedelten und mit harter Arbeit eine kleine Existenz aufbauten. Über das Verbrechen ihrer Deportation während des Krieges. Darüber, wie die Leute auf einer Insel so ticken, und wie wieder einmal aus den Zutaten Dummheit, Hass und Boshaftigkeit eine giftige Suppe gebraut wird. Über ein Geschworenen-Justizsystem, das, wohlgemerkt aus meiner Sicht, nur auf den Müllhaufen gehört. Über eine Welt-Ecke, die ihre Reize hat, aber in die man nicht fährt, wenn man nicht gerade Freunde oder Familie da hat. Gut, dass es Bücher gibt.

Red Arrows

13.08.2014

Wieder Falmouth. Hier sollen die Atomgranaten der englischen U-Boot-Flotte hin, wenn jene aus Schottland vertrieben wird. Hört man munkeln. Dabei ist der Ort nur Hafen in Stadt an Fluss zum Meer. Dicht besiedelt, selbst neben die Werft haben sie eine Gated Community gebaut, für Leute ohne Ohren mit viel Geld. Daneben dann die Sprengköpfe. Die spinnen, die Briten.

Heute ziehen Haufenwolken über den Fal River, dazwischen Sonne, Flugwetter. Die Red Arrows der Royal Air Force zeigen ihre 50th Season Show. Neun Hawk T1 Jets fliegen ihre atemberaubenden Figuren über der Stadt. Das Volk steht, wo Platz ist, gondelt in den Booten, über die gerade zwei Jets in Rückenlage feuern, während zwei weitere sich um die farbigen Strahlen winden, die zur patriotischen Zierde rot blau weiß rausgeblasen werden. Schön laut, schön schnell alles, die Abstände zwischen den Tragflächen zu knapp, als dass man selber drinsitzen möchte. Steigflug mit Fontände, wilde Kurven in Neunerformation, Aufeinanderzurasen und Abkippen im letzten Moment. Ich entdecke meine Liebe zu Flugshows, ein Thema, das für mich in der DDR keines war und nach Ramstein sowieso nicht mehr.

Als die Truppe über den Hügeln nach Nordost verschwindet, applaudieren alle. Brave Pilots.

Wer sind denn The Wholigans?

08.08.2014

Falmouth, Princess Pavilion, eine Who-Coverband. Wir sind im Urlaub hier, und das ist musikalisch das aktuellste am Tage. Touristengegend eben. Hundert Übriggebliebene bevölkern den Saal. Sollten ja eigentlich Mods sein, aber davon gibt es gerade eine Handvoll. Sonst kurze Hosen und bunte T-Shirts über gewölbten Bäuchen, meistenteils.

Trotzdem isses natürlich schön. Die Band ist gut eingespielt und bingt alles ziemlich authentisch rüber. Ans Original-Konzert vor dem Lipsigrader Völkerschlachterdenkmal kommts natürlich nicht ran. Die Originale machen einfach mehr Druck, sind dringlicher. Aber man spürt die Substanz der Who: Ein paar Songs sind eben doch All Time Favourites. Pinball Wizard, Who Are You, Substitute, Wont Get Fooled Again, Magic Bus, Baba O'Reilly und natürlich My Generation. Diese kurze Liste musste hier einfach mal stehen. Vielleicht beehren sie uns zum Jubiläum.

Happy nach Hause. Auch Frau Mond, die das Posing (Mikropropeller) nicht ertragen konnte und sich nebenan beim Rentnerdixiland vergnügte.

Hannover ist klasse (wenn SIE hier sind)

24.07.2014

Nach Blues Explosion Bielefeld im letzten Jahr gehts diesmal Richtung Hannover. Was für eine Stadt. Die zwei Stunden, die wir haben, latschen wir ratlos am Westrand der City herum und landen in einem Eierkuchenrestaurant. Die Dinger sind so schwer, dass wir fast durchs Parkett brechen.

Der Gig ist in einem sehr betont alternativen Laden, in Lipsigrad wärs fast schon ein bisschen peinlich. Aber schön eng, gemütlich, voll. Apropos voll: Vier Finnen (erste Reihe) ignorieren auf Befehl ihres Anführers den eigentlich eingeplanten Neil Young in Dresden, um hier Jon Spencer zu sehen. Das Bier wird auf großen Tabletts herangeschafft, der Gleichgewichtssinn leidet.

Die Vorband Animen ist klasse. Übereilt und unüberlegt könnte man behaupten, so würden die Beatles heute live klingen. Wegräumen der Gerätschaften durch den Zuschauerraum, auch Spencer Bauer Simins kommen mit Beutelchen durchs Publikum geschlurft, um in das Kabuff hinter der Bühne zu gelangen. Sowas hatten wir noch nie.

Dann gehts los. Der übliche Reflex: Springen, wackeln, Arme hoch, brüllen. Der übliche Gedanke: Das beste Konzert je. Nach anderthalb Stunden durchnässt und happy. Publikum insgesamt klasse, sehr zugewandt, begeistert, kein dummes Gelaber. Nur ein volltrunkener Spacko und einer, der die Gelegenheit nutzt und allen Frauen vor ihm von hinten an die Brust fasst, so ein Arschloch. Irgendwas ist immer. Frau Mond hats gesehn und hätte ihm die Zähne ausgeschlagen, hätte ers probiert. Alle. Recht so.

Everlast im Täubchenthal

14.07.2014

Das erste Mal im Täubchenthal, und dann gleich zu Everlast. Schöner Laden, übrigens. Da uns wieder mal das Feeling für die Anfangszeit (20 Uhr, haha) fehlt, werden wir halb acht vom Hof gejagt, um zehn gehts los. Ist schon eine ganze Weile her, Haus Auensee damals, mit Band. Heute akustisch mit einem kongenialen Partner an den Keys. Mit dem Meister auf Augenhöhe, bringt viel Farbe dazu (Jazzläufe, Gesang, Soundteppiche, freche Sprüche). (Vorband ist ganz nett, habe ich aber schon wieder vergessen, sorry.)

Everlast als Gesamtkunstwerk: Cargo Camouflage Schiebermütze Sonnenbrille Tattoo Masse. Hat ein bisschen was von einem Schutzanzug. Gesamtkunstwerk vor allem die einzigartige Mischung aus Hiphop und Blues, die er zelebriert. Beides alleine und pur wird mir schnell langweilig, hier dagegen kann ich zwar kaum die Songs auseinanderhalten (bin wie immer schlecht vorbereitet), aber tauche ein und freue mich. Wie geil! Bewundere die Jungs und Mädels, die jeden Song mitsingen. Beseelt nach Hause.

Arcade Fire

17.06.2014

Die Bühne im Großen Garten. An dieser Stelle muss ein Name Dropping sein: Kevin Coyne in den Achtzigern. Pankow mit der Sowjet-Bigband kurz vor Toresschluss. Dylan an seinem Geburtstag. Lenny Kravitz, als er noch kein Superstar war und alle mit dem ersten Ton auf den Bänken hüpften. Nick Cave and the Bad Seeds, wütend, malmend, spitzbübisch. Das waren die ganz besonderen Erlebnisse in der zweiten Heimatstadt.

Die Arcade Fire Songs haben mich neugierig gemacht, wobei die eingefleischten Fans doch irgendwie anders sind "als meiner einer" (anhaltinischer Lieblingsspruch). Achtziger? Jedenfalls Pop, große Geste, große Show. Es ist richtig gut, geht ab, ist leidenschaftlich und ausgefeilt und groß und bunt. Aber ich muss auch einsehen, dass es nicht ganz "my cup of tea" ist. Ich hoffe, keinem Hardcore-Arcadier das Ticket weggenommen zu haben. Ganz viele Mädel und Jungs aus Tschechien sind übrigens auch da und machen ein Gefühl für Europa und die Welt.

Music From Big Pink

12.06.2014

Das allererste Buch von John Niven. Interessant die Entstehungsgeschichte als Teil einer (eigentlich eher dokumentarischen) Verlagsreihe über Musik (kann man im Buch nachlesen). Es geht bei Niven um Dylan und The Band, meine frühen Helden neben Jimi Hendrix. Niven findet einen schönen Dreh, alles aus Sicht eines Dealers und damit absolut notwendigen Teils der Band-Entourage zu erzählen. Eines Dealers aber, dem die Musik noch wichtiger ist als sein Geschäft. Super geschrieben, mit vielen Hintergründen und einem Feeling für Zeit und Umstände.

Muss man lesen, wenn man die Musik dieser Zeit mag. Und wenn man irgendeine Musik sonst mag, muss man NATÜRLICH Kill Your Friends von Niven lesen. Es sei denn, man kann explizite Sprache, grundböse Menschen und die Wahrheit über das Musikbusiness nicht ertragen. Dann sollte man sich weiter Castingshows ankucken oder zur Schlagermusik gehen. Yippie.

Nachtrag im September: Wer Kill Your Friends liebt, findet in Straight White Men das Pendant für den Literaturbetrieb. Eben durch. Achtung: Explicite Language.

Schtones! Waldbühne!

10.06.2014

Wenn Schtones, dann Waldbühne.

Keith im Konzert: "It's good to be here in Berlin." Begeisterung.

"Yeah, it's good to be everywhere." Haha. Der ist wirklich cool.

Mick wirkt tatsächlich, als hätte er einen Pakt mit wem auch immer geschlossen. Abgesehen von den tiefen Furchen im Gesicht: wie vor fünfzig Jahren. Bewegung, Stimme, Charisma.

Waiting For A Friend widmet er dem Berliner Flughafen. Ja, das ist lustig.

Da wir ganz vorn stehen, scheppert und schleppt und knarzt die Karre ein bisschen. Aber was für ein Feeling. Hier sein zu dürfen. Vor uns fünfzehn Argentinier, die extra nach Holland und Berlin gekommen sind und feiern und mit ihren Fahnen spielen. Aber auch mal richtig weinen müssen. Schön. Überhaupt alles easy. Keine Bübchen, die "wissen", dass es bei einem Konzert richtig zur Sache gehen muss, weil das eben so ist. Die meisten hier waren ja selber noch Bübchen, als die Stones die Waldbühne zum Zerlegen brachten. Nur die Typen, die immer ihre kleinen Fernseher nach oben halten müssen, hätten zu Hause bleiben sollen, um dort mit denen zu spielen. Da dachte man, das Digischnappen hätte sich endlich mal erledigt...

Meine Favoriten: Start Me Up, weils damit losging. Get Off Of My Cloud, wegen genial. Jumping Jack Flash, weils das beste ist. Genauso Sympathy For The Devil. Satisfaction sowieso. Ach, und als der Chor zur Zugabe auf die Bühne kommt, für You Can't Always Get What You Want, das geht richtig ans Herz. Die Liste bleibt unvollständig, weil ich keine Listen führen will. Immer jedenfalls ist Mick omnipräsent, souverän, grandios, und zugewandt im Dialog mit dem Publikum. Keith mit Begeisterung und verschlurfter Aufsässigkeit. Ronnie locker, aber ernsthaft arbeitend. Charly wie immer der Gentlemen. Und alle anderen, Bass, Piano, Background-Sänger: super.

Als wir klatschnass die Stufen nach oben gehen, neben uns ein junger Mensch: "Danke Mutti, für die Karten! Ja, das war toll! Super! Ich komme morgen zum Schaschlik. Ja, ich hab dich auch lieb! Nee, ich hab dich noch mehr lieb! Danke nochmal!"

Das wars dann wohl, Freunde. Danke.

Eugen Egner! Schnölb!

04.06.2014

Unbedingt gesagt werden muss auch an dieser Stelle der Gemeinplatz, dass Eugen Egner der Größte ist! Diese stets etwas fragwürdige Zuschreibung aus der Feder eines Unberufenen erfolgt während des soeben dauerhaft simultanen Konsums von Traumdüse, Schnölb, Schmutz und Totlachen im Schlaf sowie allen weiteren in den Regalen verstreuten Egnerwerken (immer mal geht ein Buch verloren und ein anderes taucht auf). Wer an ausgefeiltester Sprache und merkwürdigster Komik ein bisschen Freude hat, wird allein wegen der Egnerbücher gern lange am Leben bleiben, und immer wieder nach ihnen greifen, solange noch Kraft in den Knochen ist.

JSBX! Madrid!

23.05.2014

Wieder in Madrid! Wie schön. Und wieder wegen Jon Spencer. Wieder im Joy Eslava. Eher ein Diskoladen in der Art eines alten Theaters. Die richtige Größe, super Akustik, Barpersonal etwas überfordert. Wer kommt schon auf die Idee, in Spanien Rotwein trinken zu wollen? Die Deutschen.

Waren wir beim letzten Mal hoffnungslos zu spät (zur Anfangszeit), sind wir jetzt hoffnungslos zu früh (zur Anfangszeit). Kein Mensch außer uns. Kein Plakat. Nicht mal ein handgeschriebener Zettel am Eingang. Erst als wir am Dienstboteneingang lauschen, hören wir Russell rumpeln. Sie sind da! Nach einer Stunde trifft auch Personal ein. Noch eine Stunde später ist der Saal voll. Irgendwie funktioniert das mit den Eingeweihten.

Ich hatte es hier noch nicht geschrieben: The Jon Spencer Blues Explosion ist die beste und coolste Liveband der Welt. Wers nicht glaubt: Hingehen oder bei youtube nachprüfen. In der ersten Reihe stehen ist: Aufladen. Mit Starkstrom. Keine andere Band hat so eine unkalkulierte, unkalkulierbare rotzige Power. Spielt so vertrackt und simpel, roh und aufmerksam wie die Drei da oben. Isso. Punkt.

Dafür lohnt es sich also, vier Tage Madrid? Ja. Und für die Eichhörnchenbar an der Plaza Santa Ana, für den Prado (den Prado!), die Thyssen Sammlung sowieso, fürs Lateral, die stilsichere Hauptkirche am Königsschloss (hoho), den Mercado de San Miguel, die Ausstellungen im Telefonicaturm, die Plätze und Gassen und Cervezerias. Nicht zu vergessen der Ausflug zum gigantischen Friedhof der Stadt Cementerio de la Almudena, ein Muss für Freunde des internationalen Bestattungswesens.

Ja doch, natürlich gibts noch viel mehr zu sehen in Madrid. Aber wir sind ja nur Wochenendtouristen, sorry. Ach, was noch lustig war: Wir hatten ein Zimmer gebucht, im Zentrum, mit Blick auf einen hübschen Marktplatz, groß, gar nicht teuer ("Garantierter Ausblick"). Da hatten sie eine christomäßige Porsche-Gerüstplane rundrum gehängt. Auch ein Ausblick. Das Lipsigrader Automobil.

Vom Daheimbleiben

14.05.2014

Das Gemecker hier im Block, dass immer so wenig Leute kommen, wenn die Musik spielt. Man kann ja doch aber nicht überall hingehen, Freundchen, kostet auch Geld. Und dann bleibt man heute selber heeme, weil der Schreibtisch voller Papier liegt, das behandelt werden will. Und der Rechner muss ab und zu geheizt werden, wo kommen wir sonst hin? Mails an die, die geschrieben haben. Zimmer und Garten abwohnen, sonst lohnts ja nicht. Außerdem müde.

Ich denke, bei Jan Plewka wirds trotzdem voll, wenn er den Rio singt. Das Original haben wir erst vor kurzem gesehen, die drei Scherben im Werk 2. Plus reichlich Mannschaft, herausragend der sehr junge Sänger. Gut wars, anders als man dachte, und es fasste die an, die sich anfassen lassen wollten. Prinz Sebastian mühte sich mit dem Lied der Lieder, traf aber nur die schönen Töne. Geht so ni, eigentlich. Muss man doch brüllen. Halt dich an deiner Platte fest: genau so kaputt, sonst isses Schlager. Einige Momente sonst: sehr eindringlich. Manchmal zuviel Rockmugge, es hätte gern etwas roher sein können. Geschenkt. Eine junge Dame fragt, eh, bist du damals schon dabeigewesen? Sehr schmeichelhaft, haha. Außerdem war die Mauer dicht. Zu Hause mit Frau Mond die schwarze Auswahl-Scheibe auf den Dreher, durchgehört. Was für eine irre Musik!

Apropos Irre und Daheimbleiben: Obwohl bei Dekadance der berühmte Herr Schubert-Olaf an der Schießbude sitzt, ist die naTo nur fast voll. Entweder bleiben Geheimtips immer Geheimtips, oder die grandiose Blasmusik ist wirklich nur für Auskenner. Und die Bert-Späße für Masochisten.

Apropos Auskenner: "Good Vibrations" muss man sich ansehen im Kino, am besten OmU. Wie waren wir gestern ans Herz gefasst! Und "Teenage Kicks" ist tatsächlich, ... Mannomann!

Ex Oriente zurück

08.05.2014

Das war Istanbul zum zweiten. Schlafende Hunde, die wir nicht weckten. Dünne Katzen, zutraulich. Bosporus-Bosporus-Bosporus: die Ausrufer an der Ausflugsbootanlegestelle. Na klar, machen wir, die ganze Länge mit Landgang am Kastell. Kurz vorm Schwarzen Meer die dritte große Brücke, im Bau. Zurück im Schiffsgewusel, Fisch im Bauch. Ein stinkendes Möchtegerndesignkreuzfahrtschiff. Mit der Tünelbahn auf die Istiklal, zum Konak Kebab, zum Taksim. Den Polizisten nach der U-Seilbahn zum Strand gefragt, die er nicht kannte. Fähre nach Asien: 2 Lira, toll. Entspanntes Terrassenufer mit Tausenden bei Tee, Obst und Efes. Zurück nach Europa. Hagia Irene. Der Bart des Propheten. Die Gasse mit Läden für die Einheimischen: nur Schleier und Tücher. Dann die Hochzeitsläden. Wagen mit Melonenschalen, Suppe, gebratenen Fischen. Nachts die Hotelterrasse mit Blick über den Bosporus. Die uralten Mauern. Ruinen und Paläste. Die riesige Reede, vielleicht auch nur ein Schiffsfriedhof. Blaue Moschee, darin abgetrennt Betende mit Smartphone, zur Erinnerung. Überall alles, entspannte Hektik. Beherrschtes Chaos. Jeden Moment pustet dich der Atem der Stadt an: heh, komm her, sieh, greif zu. Du fliegst nach Hause und wunderst dich, wie klein deine große Stadt ist. Mit der Landeschleife bist du schon in der nächsten.

Am folgenden Abend im Cineding ein Film, der im ehemals irakischen Kurdistan spielt, beiläufig auf Western gezogen, cool, aber kein bisschen zynisch: "My Sweet Pepperland", in den Hauptrollen Golshifteh Farahani, Korkmaz Arslan. Die beiden Namen muss man einfach nennen. Und den des Musikinstruments, das eine tragende Rolle hat: das Hang. (Kann man in Suchmaschinen finden.) Die Liebe überwindet alles und wohnt überall -- wir sitzen da und staunen, dass es so einfach sein kann. Wo der Film läuft: Hingehen und überraschen lassen.

Männer in der Tonne

19.03.2014

Mitch Ryder. Ein kleiner zäher Mann mit einer Riesenstimme. Unterwegs stets am Jahresanfang mit Engerling, Berliner Bluesband, Helden meiner Jugend. Das letzte Konzert der Tour in der Moritzbastei-Tonne, gut besucht, deshalb guter Sound, laut. Der Meister in bester Stimmung. Wenn er singt, stellen sich die Nackenhaare auf, so klar, schneidend, zärtlich ist seine Stimme. Immer mal ein Brüller aus voller Kehle, dass die Wände wackeln.

Die Band groovt. Heiner (Stamm-Bluesguitarre) und Pitti (Gast-Rockguitarre) gehen sehr kollegial miteinander um, mit Augen-zu hört man bei den Soli, wer wer ist. Der Gast an den Drums fügt sich trocken und cool ein. Manne darf am Ende wieder sein Basssolo zupfen (ein schönes Wort, wenn man es so hingeschrieben sieht), lang und launig angekündigt vom Meister selbst. Nur wenn man genau hinhört, merkt man, wie perfekt Bodi Bodags Orgel in den Sound passt. Aufkleber am Gerät: "Freude am Beruf". Wunderbar ausgespieltes Solo zwischendurch als Entree eines Titels, prägnante Harp zum Schluss der Mugge. Meine Höhepunkte: One Step From Disaster, ein Funktitel, den Jürgen nicht mag, weil es Funk ist. Wasn Pech. Und All Along The Watchtower, mein All Time Favourite. Ach, wie schön. Aber auch sonst: alles richtig gut.

Solo statt Pogo: Als ein Typ nach vorn durchbricht, voll wie Haubitze, wild brüllend mit den Armen um sich stößt, in Richtung unserer Augen und Nasen, um den Rhythmus und Begeisterung zu markieren. Kurz festgehalten, glotzt er dich mit vom Suff verzerrter Fratze an und haut nur deshalb nicht zu, weil er kleiner ist (und nur einer). Nach zwei Stücken ist der Spuk vorbei, ausgepumpt trollt er sich, geht kotzen oder Bier nachfüllen oder beides und erzählt sicher draußen, dass da vorn überhaupt keine Stimmung ist. Yep. So siehts aus.

Nächstes Jahr wieder Mitch Ryder feat. Engerling, klar, auf jeden Fall. Wir wünschen bis dahin gute Gesundheit allerseits.

Große Humoristen

17.03.2014

1
Zuerst Olaf Schubert in der Ergasarena Riesa. Geht denn das? Fürchterliche Halle, postindustrieller Industriecharme. Immerhin ein schön beleuchteter Vorhang hinterm Mikro in all dem Blechgrau. Zweifel, zumal das Publikum zum Teil eher an Maria Barth gemahnt. Aber dann steht das Hemde, äh: der Pollunder, ganz allein vor 5000 Leuten, neben sich nur den stoischen Herrn Barkas und (manchmal) den souveränen Herrn Stephan, und hat alles im Griff. Die Leute sind vergnügt, lassen sich auch mal ganz gern hochnehmen, ein großer Spaß. Nur als die Viertelstunde Schlüpfrigkeit dran ist, bricht sich tosend der Unterleibsjubel Bahn. Ach herrje, ham die vorher garni zugehört, die kreischenden Weibsbilder? Oder muss man mit Lautstärke anzeigen, dass man nicht verklemmt ist? Nun, man kriegt sich wieder ein und fast ganz alle bleiben bis zur Zugabe sitzen, Respekt! Dem Humoristen sei die große Halle von Herzen gegönnt, auch wenn letztendlich nur 17 Euro hängenbleiben, vor Steuern.

2
Dann Mike Kilian mit Starfucker in der Tante Ju, Dresden. Schöner Laden. Die Super-Band haut die Schtones-Hits so lebendig raus, dass man springen muss. Und dann die Stimme! Absolut mühelos singt Mickmike die Songs weg, bearbeitet sehr passabel die Guitarre, kräht lustige Ansagen, gebärdet sich, tanzt und spielt Harp ohne Harp. Ein Ereignis. Der Gast applaudiert schwitzend, grinst permanent vor Glück. Großer Humor auf jeden Fall, wenn man auf diese Weise das Double macht. Man müsste auch mal wieder nach Rockhaus kucken.

Im Kino

09.03.2014

Im Passage-Kino ist die Sitzplatzbuchung kaputt. Ich bekomme ein handgeschriebenes Ticket. Zehn Minuten nach Beginn, es laufen die Filmtips, begehrt eine verspätete Besucherin auf meinem Platz zu sitzen.

Sie: "Das ist mein Platz."

Ich: "Nein."

Sie: "Zeigen Sie mir mal Ihre Karte!"

Ich: "Nein." (Soll ich das handgeschriebene Ding hinzeigen? Nee nee.)

Sie: "Ich sitze aber dort!"

Ich: "Nein, hier sitze ich, laut meiner Karte. Und wenn Sie diskutieren wollen, müssen Sie pünktlich kommen."

Nicht sehr höflich. Aber mutwillig zu spät, wie überhaupt die Hälfte der Besucher, ist auch nicht höflich. Kontrahentin ab, knurrend. Nach dem Film berichtet der Einweiser, dass die Beschwerdeführende eine ganz andere Zeit gebucht hatte: um fünf statt halb acht. Da war sie wirklich ein bisschen zu spät.

Superluxus täglich

06.03.2014

Was für ein Luxus, abends zehn vor acht aus der Tür zu gehen, durch die stille Magistralenbaustelle bis zur naTo zu stolpern, sich mit nem Glas Rotwein oder Krusovice in einen kleinen, gut gefüllten Saal zu setzen und zwei tollen Bands zuzuhören. Eva Klesse Quartett und, nach der Pause, Paul Jarret 5 (aus Frangreisch). Erstere sehr versiert und vielfältig, ein wenig zurückhaltend. Letztere mit der Elektroguitarre des Chefs näher am Beat, gerade wenn Bass und Schlagzeug mal so richtig zubeißen dürfen. Bei beiden in jeder Phase viel zu hören an Details und im Zusammenklang. Mehr schreibe ich nicht, hab ja keine Ahnung vom Jazz. Nur, dass das gestern wieder mal Superluxus war für kleine zehn Euren, und der famose Jazzkalender der Stadt jeden Abend Appetit macht auf ähnliches. Danke!

Mann beißt Buch

05.03.2014

Nee, muss ich nicht lesen, das "Buch" von dem da. Die Zitate reichen doch. Und man hört ihn ja leberwurstbeleidigt allerorten. Neben der anstrengenden Arbeit mit dicken Büchern Hunderttausende verdienen, Chapeau! Wer kann, der hat. Die verhöhnen, die vom Gemüsekistenbuckeln abends krumm liegen? Respekt. Cross Border Leasing durchwinken, obwohl man es nach eigener Aussage gar nicht verstanden hat? Das hat Schneid. Man muss ja die Welt retten, da kann eine Stadt schon mal drüber Pleite gehen. Weder Zeit noch Geld investiere ich in seine Produkte. Wenn wer sagt, ich dürfe nur mitreden, wenn ich den Kwatsch auch gelesen hätte: Schon mal von Lebenszeit gehört, und von Hygiene? "Du kennst das Buch doch gar nicht!" Natürlich nicht. Wie viele Bücher habe ich nicht gelesen, um die es schade ist! Und dann das da? Nee. Und Schluss jetzt mit Zirkus S.

Musikstadt

25.02.2014

Lipsigrad ist eine Musikstadt. Das Fundament dieses Mantras ist zusammengebastelt aus den hartgebrannten Ziegeln der musikalischen Vergangenheit: Bach, Mendelssohn, Schumann, Wagner, Krumbiegel.

In regelmäßiger Unregelmäßigkeit strömen zudem Autokarawanen aus allen Himmelsrichtungen, vor allem aber aus Glaurau und Zwigau, in die Stadt, um sich in der Großsporthalle den herbeigeschriebenen Höhepunkten hinzugeben, um Pop-Dinosaurier auszuverkaufen. Es sei denen gegönnt. Sie müssen auch beim Bäcker Brötchen kaufen können. Nach zwei Versuchen vor vielen Jahren habe ich eingesehen, dass das nichts ist, njet. Autowerbung ansehen, wenn man vorher 60 Euro Eintrittsgeld hingelegt hat? Gehts noch?

Die kleine feine Gegenwart findet man abends in UT Connewitz, naTo, Lindenfels, Conne Island, mb, Telegraph, Flowerpower, Kafic, Täubchenthal, Horns Erben – und und und so weiter. Schön.

Am Sonntag sind wir im Neuen Schauspiel im neu ausgerufen angesagten Stadtteil Lindenau. Sehr netter Laden, und endlich mal wieder die Bert Stephan Group 9. Zufällig im Jazzkalender gefunden, mit dem kurz aufschießenden Reflex, ob man vorher Karten kaufen müsse, damit man auch reinkommt? Nee. Zehn Euro legt man auf den Tresen und geht mit vierzehn weiteren Zuhörern in den Festsaal.

Taugen gleichzeitiger Tatort und Sotschi-Beendigung als Erklärung dafür, dass von 500.000 Einwohnern einer Musikstadt gerade einmal 15 sich bemerkenswerten, coolen Heavy Acid Jazz zuführen möchten? Mit Lokalmatador Brutaler Hansi an der Geige und Großtrompeter Bert Stephan (auch Guitarre)? Die famose Rhythmusgruppe mal außen vor.

Nee, da ist irgendwas schief. Liegt es an der mangelnden Facebook-Kompatibilität von Erwachsenenmusik? Ist Jazz tot, wenn er nicht genau in eine der Schubladen passt, die die Leute auf dem Radar haben? Norwegische Blondinen zum Beispiel? Oder hätte man dafür sorgen müssen, dass etwas in der Zeitung steht oder im Radio beworben wird, wie früher?

Danke an die Band, dass sie so spielt, als wäre die Hütte voll. Obwohl, dann hätte sie die nächste Stufe gezündet, die Bude hätte gebrannt, nehme ich an. Aber es war schön schön schön schön. Punkt.

Nachlese Auftakt 14

24.02.2014

Obwohl die Herren von Skindred auch nicht viel jünger sind als ich, bin ich lange Zeit der Älteste im Conne Island. Ach herrje. Erst gegen Ende weist Frau Mond auf einen Typen hinter uns, der einen noch graueren Bart hat, auch er mit glücklichem Grinsen im Gesicht. Schön, dass die Band so junges Publikum zieht. Auch Schüler. Auch Lehramtsstudenten. Ich bin irritiert. Wie manches zusammenpasst? Man muss springen können zum SurfSkaReggaeFunkPunk. Kann ich. Wenns sein muss, höher als alle anderen. Geiler Abend.

Jeffrey Lewis in der naTo. Wie der die langen Texte behalten kann. Souveräner Auftritt, klasse Band. Und am schönsten die Bänkelgesänge zur historischen und sonstigen Bildung, früher mit großem Papier, jetzt Laptop und Beamer, dazu treibender Bass und Schlagzeug. Danke, naTo.

Clara Luzia in der naTo: Schöne Songs, tolle Stimme, eingespielte, souveräne Band, lustige Ansagen. "Ihr seid so still. Man muss gut schlafen können in Leipzig. Ich trau mich gar nicht, etwas zu sagen, weil es so still ist. Dabei habe ich so viele Gags vorbereitet auf der Busfahrt." Kitty Solaris als Support hinterlässt mich ratlos – so sehr von Lampenfieber geplagt? Hätte ich nach Ansicht der Youtube-Schnipsel nicht gedacht. Ich leide still mit, aber das Publikum ist extrem freundlich und: hält still.